dimanche.ch - 15/12/2002
ORGANSPENDE Schnell handeln, um Leben zu retten
Die Vergeltung der Seele

PASCALE BAER-LILLA

LEBENSORT Montreux
BILDUNG Als ehemalige Marketing Direktorin in einer privaten Universität, RP in der Kommunikation, beschäftigt sich Pascale Baer-Lilla jetzt völlig mit der Stiftung „Weiterschenken“, die sie gegründet hat und die sie führt. Das Ziel dieser Stiftung ist es ein Register zu erstellen, das alle in unserem Land potentiellen Organ-Spender aufführt und ein Diskussionsforum auf der Stifung-Seite für Meinungs- und Erfahrungsaustausch vorzuschlagen.
HAUPTANLIEGEN Dass es endgültig klar und transparent sei, um die individuelle Wahl von jedem zu respektieren. Wenn man diese Wahl respektiert, erlaubt man den Familien, im Glück zu sein.
BETTLEKTÜRE „Je t’appelle tendresse“ von Jacques Salomé, mit Bildern von Karine Bosserdet und Dominique de Mestra.
GLÜCKSMINUTE „Mein Sohn auf meinem Arm, die „Scheiben“ Schmeichler, die er mir schenkt“
Als Mutter des Spenders, Pascale Baer-Lilla kämpft, sodass die Frage eine gründliche Problematik wird. So dass andere das nicht für uns beantworten müssen.

Céline Fossati
Es gibt Fragen, die man sich nie stellt. An die man nie denkt. Und wenn der Moment kommt, sie zu beantworten, ist es immer unter Umständen, die einer extremen Gewalttätigkeit gleichkommen. In einem Notstand. Wie jene Mutter, die an einem Januar Morgen ihren erstgeborenen Sohn verloren hat. Es war kalt. Er ist mit dem Auto auf einer Glatteis-Stelle ins Schleudern gekommen. Was machte er an dem Tag so früh draussen? Sie fragt es sich heute noch. Aber was sie weiss, ist, dass sein Tod, 24 Stunden nach dem Unfall, erlaubt hat, Leben zu retten. „Er wurde nur am Kopf getroffen“, erzählt ruhig Pascale Baer-Lilla. „Er hat gekämpft. Wir haben gehofft, doch ist er weggegangen. Das Urteil ist gefallen: Hirntod, das Ideal für die Organspende“. Wenn diese Frau heute ruhig vom vor weniger als einem Jahr ereigneten Hinschied ihres Kindes sprechen kann, ist es, weil sie und er seit langem die gründliche Frage beantwortet hatten: Bin ich ein potentieller Organspender ? „Ich wollte immer das Beste für meine Kinder. Auf der ärztlichen Ebene auch. Ich habe sehr schnell verstanden, dass es die Organtransplantation beinhaltet“. Sie sagt weiter: „Wenn man Empfänger sein will, muss man auch tüchtig sein, zu geben. Meine Kinder wurden in dieser Überzeugung erzogen“. Sieben Organe wurden von Denis entzogen, ein junger 18-jähriger Erwachsener. Sieben Empfänger haben daran Vorteil gezogen. Unter ihnen Jem, der das Herz erhalten hat. „Ich vermisse meinen Sohn“, sagt Pascale Baer-Lilla. „Ich leide heute an einer unheilbaren Krankheit. Es ist die Abwesenheit.“ Die Organspende vermindert nicht ihren Schmerz, aber es beweist, dass die Wahl meines Sohnes respektiert wurde. Für diese gequetschte Mutter ist der Körper ein Kleid. „Wenn ich mich waschen will, ziehe ich mich aus, gehe unter die Dusche und mache mich sauber. Weggehen beim Tod heisst, sich auf der gleichen Art von seinem Körper zu trennen, um auf das Jenseits zuzugehen.“ Sie sagt weiter: „Ein Organ zu spenden ist nicht komplizierter als jemandem, der am Frieren ist, eine Jacke auszuleihen. Es ist eine natürliche Geste. Es ist, wie wenn man der Erde dafür danke sagt, dass man existiert hat.“ Und es ist weiterschenken. „Die Organspende ist nicht schwierig, wenn aber sie reiflich überlegt wurde. Der Tod, er ist schmerzhaft.“

Lebensfrage
Wer macht sich schon Sorgen über die Organspende, wenn er noch nie damit konfrontiert wurde? Wer fragt sich, ob er dem Arzt sagen wird: „Sie können das Herz meines Mannes entnehmen“, wenn schon sein Tod unfassbar ist? Diese Frage wird sich vielleicht eines Tages stellen und dann muss man sie schnell beantworten, manchmal sehr schnell. „Ein Ehepaar hatte 10 Minuten Zeit, um sich für die Organspende ihres Kindes zu entscheiden“, bezeugt Pascale Baer-lilla. „Einen so schweren Entscheid in so kurzer Zeit zu treffen, ist heroisch.“ Eine andere Mutter fragt sich immer noch, warum der Wille ihrer 17-jährigen Tochter, die an den Folgen eines Mofa-Unfalls gestorben war, nicht respektiert wurde, und warum keiner von ihren Organen nach ihrem Tod entnommen wurde. „Eine Frau, die an der Multipel-Sklerose Krankheit leidet, hat mir gedankt, weil ich ihr geraten hatte, ihren Arzt zu fragen, ob sie trotz ihrer Krankheit Spender sein könne. Wissen, dass zwei oder drei ihrer Organe dienen könnten, ist eine verdammte Vergeltung auf die Krankheit“.
Kleine Stücke von sich selbst, wie zum Beispiel die Nabelschnur, die bei der Geburt geschnitten wird, können für Kranke eine Hoffnungsquelle sein. Das Blut, das sich in diesem Band zwischen der Mutter und ihrem Baby befindet, kann benützt werden, um Knochenmark-Transplantationen bei Kindern zu realisieren, die an Blutkrankheiten leiden. Man sollte wissen und sich dessen bewusst sein, dass man 10-mal mehr Chancen hat, in seinem Leben eine Organtransplantation zu brauchen, statt selbst ein Organ zu geben. Im 2001 zählte man in der Schweiz 95 Geber, 424 Organe wurden transplantiert, und die Warteliste betrug 1030 Patienten (Zahlen von Swisstransplant).
Seit 25 Jahren in Kanada zeigt ein einfaches Kreuzzeichen auf dem Führerschein, ob man Spender ist, oder Teilspender, (da gewisse Leute nicht wollen, dass man ihre Augen anrührt, da sie das Abbild der Seele sind), oder ob man gegen die Organspende ist. In Frankreich meint der Staat, dass jeder prinzipiell ein potentieller Spender sei, ausser wenn der Spender nicht einverstanden wäre. In Belgien zählt eine Liste die potentiellen Spender, die ihre Wahl durch ein biologisches Testament bestätigen müssen. In der Schweiz weiss niemand, wer Spender ist und wer nicht. Die Frage wird erst im Falle eines Todes der nahen Familie gestellt. Die kleinen Karten, die einige Personen bei sich tragen, haben keinen gesetzlichen Wert und die Eltern (Familie) können sich über den Willen des Toten hinwegsetzen. Pascal Baer-Lilla kämpft, so dass die Wahl von jedem respektiert wird. Die von den Spendern und die von den Nicht-Spendern, so dass ein Register geführt wird – aus diesem Grund hat sie vor Kurzem die Stiftung „Weiterschenken“ gegründet und so dass die Medizin rasch handeln kann und dank der Transplantation mehr Leben retten kann.