Le Matin - 01/11/2002
ÉDITO

Organspende, eigene Spende


Evelyne Emeri

Ich werde sterben. Morgen vielleicht. Später sicher. Ich habe nie jemandem erzählt, was ich der Wissenschaft offerieren möchte. Ich bin das persönliche Beispiel von der Person, die an AIDS denkt, die an Krebs denkt, die an unheilbare Krankheit denkt, die an Unfall denkt, die gerade an Tod denkt. Ich bin die Gegensätzlichkeit der Stiftung „Passez le Relais“. Ich bin die Anti-Organspende. Beim Schreiben über dieses Familientreffen um Jem Momtaz entdecke ich, dass ich ein Herz habe, das andere Menschen brauchen könnten, wenn mich der Sensenmann plötzlich mitnehmen würde. Dass ich eine Leber, Nieren, Lungen habe, die mir wie das Leben ausgeliehen wurden. Ich entdecke die Wichtigkeit der eigenen Gabe, der Gabe des Erbes. Ich entdecke meinen Wahnsinn. Die Geschichte von Jem, von Denis und von ihren jeweiligen Müttern ist für mich ein Ordnungsruf. Noch heute werde ich davon sprechen, mit jenen, die mir gern zuhören wollen. Ich will damit sagen, ich bin dafür. Ich will sagen, dass die Organspende lebenswichtig ist. Ich will sagen, dass, ob beerdigt oder kremiert, das Organ verlorengegangen ist. Ich will sagen, dass, wenn wir es nicht weiterbrauchen, wird es ein zweites Mal sterben. Ich will Denis danke sagen. Dieser auf der Strasse unglücklicherweise verunglückte hat sieben Familien ermöglicht, die Lebensfreude wiederzufinden. Gibt es ein besseres Beispiel ?

„Passez le Relais“ ist mehr als eine Stiftung. Es ist eine Todeswahl, ein Treibriemen durch das Irreversibel. Die Organspende muss nicht mehr, kann nicht mehr aus einem medizinischen Makrokosmos und von anonymen Empfängern bestehen. Sie betrifft alle. Sie, mich. Ich berufe mich übrigens auf das Allgemeinaufgebot.

So bin ich jetzt beruhigt, glücklich: ich bin unsterblich und ich wusste es nicht ! Dank Ihnen, dass Sie mich lesen und dass Sie von meinem neuen Entschluss Zeuge sind, morgen wird nie mehr sterben
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ORGANSPENDE
Zwei Mütter durch ein Herz zusammengekommen

GEBURTSTAG. Letzten Sonntag haben sich die zwei Familien in Pully getroffen, um den 22. Geburtstag von Jem Momtaz zu feiern, man sieht ihn hier von seiner Mutter Christine umgeben (links) und von Pascale-Baer Lilla, Mutter von Denis, der Spender.

Pascale Baer-Lilla aus Montreux verlor ihren Sohn am 6. Januar 2002. Christine Meylan, aus Pully, ist bei der Wiedergeburt von ihrem Sohn einige Stunden später dank dem Herz von dem Ersten zugegen gewesen. Der Zufall hat sie geführt, gegen die Anonymität-Bedürfnisse zu verstossen. Im Namen des Lebens
Evelyne Emeri
Waadt
1. November 2002

"Es war im Juni. Ich war beim Coiffeur in Clarens, als ich zufällig auf einen Artikel von „L’Illustré“ stiess, der von einem jungen Myopathe sprach, der dank einer Herztransplantation im CHUV gerettet wurde. Beim Entdecken des Datums der Transplantation habe ich verstanden, dass es sich um das Herz von Denis handelte. Das war eine schöne Erschütterung, vor allem als ich den Schluss gelesen habe : ein besonderer Dank an die Familie des Spenders, herkommend von der Mutter des Empfängers.
Pascale Baer-Lilla geht nach Hause, in Chailly-sur-Montreux, gleichzeitig glücklich und verwirrt. 5 Monate nachdem sie ihren ältesten Sohn im Alter von 18 Jahren in einem dummen Autounfall einige hunderte Meter weit von zu Hause weg verloren hat, weiss sie, dass ihr Sohn Denis das Glück weitergegeben hat, weitergeschenkt hat. Sie weiss an wen.
Sie zögert nicht und spricht darüber mit Guy, dem kleineren Bruder. Beide fragen sich: Sollen sie, dürfen sie das berühmte Tabu, von der Fakultät diktiert, brechen ? Haben sie das Recht, die Anonymität-Bedürfnisse zwischen Spender und Empfänger zu überschreiten ? Sollen sie die Verwandten von Jem Momtaz, dem Empfänger, kontaktieren oder sie in Ruhe lassen ? So viele Fragen die aufeinanderstossen. „Wir wollten ihre Intimität nicht verletzen“ sagt Frau Baer-Lilla, die Geduld zeigt, und gleichzeitig beschäftigt sie sich mit der Gründung einer zukünftigen professionellen Stiftung, die im Sinne hat, eine ausführliche Zählung der potentiellen Spender in der Schweiz aufzustellen.

Offenes Geheimnis
Auf der Seite der Familie von Jem versammeln sich die Puzzle-Stück auch. Im Frühling trifft der junge Transplantierte (21 Jahre alt) in Ouchy eine Bekannte, die in Montreux wohnt. Die junge Frau wagt sich nicht zu fragen : „Hast Du vielleicht das Herz von Denis ?“ „Denis ?“ Jem Momtaz weiss es noch nicht. Er und seine Eltern werden während der Sendung der TSR „Wie geht es Ihnen“, die an „den Tod in allen seinen Zuständen“ gewidmet war, die Verbindung machen. Pascale Baer-Lilla ist im Fernseh-Studio und erzählt. Der Transplantierte und seine Verwandten wissen es. Sie wissen, wer ihnen das Geschenk, um das Leben von Jem zu verlängern, geschenkt hat. Jem, dessen Herz jeden Moment seit 5 Monaten hätte loslassen können. In den beiden Heimen vergehen die Wochen. Jeder nimmt dieses offene Geheimnis in Kauf. Aus Respekt. Am 24. September 2002 erträgt Christine Meylan, die Mutter von Jem, diese Situation nicht mehr. Femina hat gleich einen Artikel über das Gründungsprojekt der Dame aus Montreux herausgegeben. Das Bedürfnis zum Austauschen ist zu gross. „Ich habe mein Telefon ergriffen“ erzählt die Mutter von Jem. Auf der anderen Drahtseite jubelt die Mutter von Denis : „Ich warte seit so vielen Monaten !“

Der Tod gibt das Leben
Einige Tage später treffen sich die zwei Mütter. Die Tasse Tee wird bis zum Abendessen gehen. „Wir haben uns erkannt. Wir haben uns auf der mütterlichen Kraft vereinigt. Auf dem Draht, der weitergeht. Wir hatten Durst zu kommunizieren. Wir brauchten diese Klarheit : ein Stück von Denis ist in Jem, aber Denis ist ganz weggegangen“ merken Pascale und Christine, ganz klar in ihrem Kopf. Magischer Kontakt. Tränen aus Freude. Geschenk des Lebens, trotz allem. Beide Frauen haben nicht genügend Wörter, um die Güte, die diese geprüfte Wahrheit ihnen gegeben hat, auszusprechen. Beide sind die lebenden Beweise, dass das Zusammentreffen zwischen Spenderfamilien und Empfänger nicht heisst, unbedingt die Tür zum Schleudern zu öffnen. Beiden ist bewusst, dass ihre Überzeugungen stören und eine Debatte auslösen. Und es ist sehr gut so, da sie dem absoluten Traum nachgehen, dass sich die ganze Schweiz darüber klar wird, dass die Organspende lebenswichtig ist. Dass der Tod das Leben gibt.
Genau das Leben, Jem weiss etwas davon. Myophate seitdem er 4 Jahre alt war, ist der junge Mann öfters fast gestorben. Auf den Tod von jemandem hoffen, zum Überleben, hat er es gemacht wie viele andere in seinem Zustand, während er auf das Organ gewartet hat, das ihn retten wird. Schreckliche Realität, zu der er heute steht, reif geworden durch eine so lang erhoffte Operation. Und vor allem sicher zu wissen, dass er kein Herz von einem Verbrecher geerbt hat.

NEUES LEBEN Seit der Transplantation, Jem hat seine Unabhängigkeit wieder gefunden. Er ist nach Hause gegangen, wo er ein fast normales Leben führt.

WEITERSCHENKEN !
"Bis heute sind die potentiellen Spender in der Schweiz in keinem Register eingeschrieben. Im Klartext, wenn Sie Ihre Swisstransplant Karte nicht bei sich haben, kann Ihr „biologisches Testament“ durch andere Leute modifiziert werden“, insistiert Pascale Baer-Lilla. Diese Feststellung ist kein Vorwurf. Nur eine Realität. Die Dame aus Montreux hat gewählt, diesen Mangel zu beschönigen, indem sie eine professionelle Entität kreiert hat, die alle potentiellen Spender in einer Informatik-Datenbank versammelt.

Die 40-jährige Frau gibt sich Zeit bis 2003/04, um 1 Million Franken zu sammeln und zielt auf die Einstellung von etwa 10 besoldeten Personen. Seit dem 14. Oktober 2002 ist ihre Stiftung „Passez le Relais“ offiziell im Gange. Sie ist deren Direktorin, währenddem sie Charles Favre, Arzt und Nationalrat, präsidiert.
Passez le relais: Tél. 021 964 19 15.

Gesetz in Vorbereitung

Die Schweiz verfügt noch über keine Bundesgesetze, was die Entnahme und die Organtransplantation betrifft. Jetzt sind die Kantone, die die Kompetenz haben, in diesem Gebiet Gesetze zu machen. 3 Modelle sind in Kraft :

- Die ausdrückliche Genehmigung (JU, OW, SO, TI, UR): man muss das ausdrückliche Einverständnis vom Spender oder von seinen Verwandten haben.

- Die vermutete Genehmigung (AR, AI, FR, GR, LU, NW, SG, TG, VD, VS, ZH) : die Entnahme kann stattfinden, ausser wenn der Verstorbene, oder in Ermangelung seine Verwandte, sich dem widersetzen.

- Die vermutete Genehmigung bis, „Informationsmodell“ genannt (AG, BE, BS, BL, GE, NE): wenn der Vermisste sich nicht zu seinen Lebzeiten offenbart hat, haben die Verwandte ein Einspruchsrecht.

Man muss allerdings erwähnen, dass sich die Mehrheit der Kantone für die vermutete Genehmigung entschieden hat. In der Praktik trägt die ausdrückliche Genehmigung den Sieg davon. Ein einförmiger Gesetzesentwurf, der genau das Genehmigungsmodell in breitem Sinne befürwortet, ist in den Händen der Kommission der Sozialsicherheit und der öffentlichen Gesundheit vom Nationalrat. Die ersten Debatten im Parlament werden anfangs 2003 beginnen.


Zahlen für 2001

- Transplantierte Organe : 424
- Spender : 95
- Patienten auf der Warteliste : 1'030
- Todesfälle von den auf der Warteliste eingeschriebenen Patienten : 32
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